Ein DDR Großtraktor ZT 300 im Nürnberger Land.

Welche Geschichte steckt hinter diesem roten Riesen aus Schönebeck an der Elbe?

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Kurz gesagt, ich habe mich schon sehr lange für solch einen großen Trecker interessiert und über das Internet wurde ich fündig. Da die Beschreibung in der Verkaufsanzeige sowie Bildmaterial und Zustand dem Fahrzeug gerecht wurden, stand einem Kauf nichts mehr im Wege. Nach genauer Besichtigung und Probefahrt folgte die Heimfahrt von Nürnberg nach Simmelsdorf. Zur Überführung benutze ich rote Nummernschilder.

Die erste Fahrt auf solch einem Traktor, ohne Erfahrung und Übung, durch eine Stadt wie Nürnberg ist schon spannend. Von den vielen roten Ampelphasen mal abgesehen. Das bedeutet, viel kuppeln und Gänge hoch und runter schalten. Das treibt Einem schon den Schweiß in die Finger und der Mund wird trocken. In solch einem großen Schlepper verstecken sich schon ein paar Geheimnisse. Eine Eigenart bei diesem Traktor ist die luftdruckunterstützte Kupplung sowie Servolenkung die auch über das Kupplungspedal aktiviert wird.
Das bedeutet in der Reihenfolge: Kupplungspedal ganz durchtreten, damit ist die Hydraulikpumpe für die Servolenkung außer Kraft, Lenkung ist fest, nun Kupplung langsam kommen lassen, Lenkung kann betätigt werden und ist beweglich. Jetzt die Kupplung weiter gefühlvoll kommen lassen bis das Kupplungsventil öffnet und der Luftdruckzylinder seine unterstützende Kraft an die Doppelscheibenkupplung über Hebel weitergibt und der Kraftschluss zustande kommt. Wenn man nun die Betätigung der Brennstoffzufuhr über das Gaspedal nicht vergisst, kann die Fahrt losgehen.

In Bewegung setzen nun die 100 Pferde den 4950 kg schweren Trecker aus Stahl mit seinen Rädern. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt dabei schnelle 28,84 km/h. Die Arbeitsgeschwindigkeit kann mit 9 Vorwärtsgänge und 6 Rückwärtsgänge sowie Unterlaststufe 18/12 Gänge gefahren werden. Der Motor arbeitet nach dem MAN-Direkteinspritz-Verbrennungsverfahren.

Mit dem Zugtraktor ZT 300 erhielt die Landwirtschaft in der DDR ihren ersten, im eigenen Land hergestellten Großschlepper. Die planmäßige Fertigung lief am 1. September 1967 an mit hergestellten 1000 Traktoren. Im darauffolgenden Jahr waren es schon 6000 Stück. Mein ZT ist einer von denen, die 1968 gefertigt wurden. Gekostet hat er am Ende seiner Produktionszeit 71.075 DDR-Mark. Dafür bekam man zwei Russische Belarus-Traktoren. Während die im Westen Deutschlands eingesetzten Schlepper auf 300 bis 400 Betriebsstunden jährlich kamen, waren es beim ZT zwischen 1.600 bis 2.000 Stunden. Eine mächtige Steigerung gegenüber den alten Traktoren Pionier oder Famulus.

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Diese große Arbeitsleistung ging an den meisten ZT-Schleppern nicht spurlos vorüber. Bei einer gründlichen Untersuchung über den Zustand musste ich erfreulicherweise feststellen, dass mein Fahrzeug die vielen Jahre gut überstanden hat und gut behandelt wurde. Der Motor wurde vor der Wende 1989 noch erneuert, Kupplung ist neu, Getriebe läuft sauber und Öl verliert die Maschine auch nicht. Optisch war der Trecker nicht mehr in dem Zustand, den er verdiente, womit meine Arbeit begann.

Alle Blechteile, Kotflügel, Türen, Verkleidungen, Batteriekästen Motorhaube, sowie Räder mussten zerlegt und auseinander geschraubt werden. Dann begann das große Reinigen mit Spachtel, Luftdruckpistole, Pinsel und Diesel dienten zum Lösen der Ölkrusten. Die Kotflügel sind neu und stammen aus Leipzig. Die linke Tür ebenfalls. Es gibt zum Glück nach über 20 Jahren Ende DDR Geschichte noch Lagerbestände, aber man muss schon im Internet wegen der fehlenden Teile auf die Suche gehen.

Viel Zeitaufwand nimmt das Lackieren der Teile in Anspruch. Bleche müssen entfettet, grundiert und zwei- bis dreimal mit Decklack behandelt werden und das alles mit der Walze oder Pinsel. Nach der Trocknung sucht man alle Teile zusammen und verbindet sie mit neuen Schrauben. Bei der Arbeit im Zusammenbau der Teile ist viel Geduld und Geschick erforderlich.

So ein DDR Traktor ist noch richtige Handarbeit, so dass kein Teil mit dem anderen unbedingt genau zusammen passt. Wie in einer Manufaktur geht es zu. Jeder Schlepper ist ein großes Unikat.

Eine Arbeit die mir nicht gelingen wollte, war das Einsetzen der Scheibe in die Fahrertür. Das sollte man immer einen Autoglaser machen lassen: zwei Personen können das besser. Der Sitz musste wieder neu aufgepolstert werden. Im Original anfertigen kann das meiner Meinung nach nur ein Autosattler. Dieser hat sehr gute Arbeit geleistet.

Die ganze Bordelektrik musste auch erneuert werden, was sehr viel Geduld erfordert. Bei den ganzen verschieden Kabelfarben geht schnell mal der Überblick verloren. Zum Glück hat alles auf das erste mal fast funktioniert. Einmal hatte ich keine Masse am Scheinwerfer. Aber der Kontaktfehler war auch schnell beseitigt.

Mit dem Hauptbremszylinder hatte ich schon länger zu kämpfen, bis er wieder ordnungsgemäß seine Arbeit verrichtete. Das Problem steckte im neuen Reparatursatz für den Hauptzylinder. Zwischen den neuen Primär- und Sekundärmanschetten musste noch eine Füllscheibe aus Messing verbaut werden, die leider nicht mehr vorhanden war. Da sich wegen der besagten fehlenden Füllscheibe kein Bremsdruck aufbauen ließ. Nach mehrmaligen erfolglosen Zusammen und Auseinanderbauen, musste ich das Internet zur Hilfe nehmen. In einer Schnittzeichnung kam ich dem Funktionsprinzip auf die Schliche. Die Scheibe habe ich auf der Drehbank angefertigt. Und siehe da, nach Beseitigung der kleinen Ursache kam der große Erfolg zustande. Ein tolles Erfolgserlebnis war somit, als endlich die Hinterradbremse ordnungsgemäß funktionierte.

Nun sollte der TÜV auch keine weiteren Fehler mehr finden. Nach der Fahrzeuguntersuchung durch den TÜV-Prüfer - was ohne Mängel abging - gab es die begehrte blaue Plakette bis 2014.

Nach meiner erfolgreichen Restauration kann, wer Glück hat, mich mit dem ZT 300 auf der Straße vielleicht mal sehen. Es ist immer wieder schön, ein Stück Technik erhalten zu haben und wieder zum Laufen gebracht zu haben. Diese Traktoren werden nie wieder neu hergestellt! So steht dieses Fahrzeug als Zeugnis für Erinnerung an DDR Landwirtschaftsgeschichte.

Euer Schlepperfreund
G.Hoppe

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